Aufstieg und Absteige – Teil 2 – Orio, Zumaia, Arnope

Die Albergue San Martín in Orio (nicht zu verwechseln mit dem Keks, der sich mit E schreibt) war durchaus sehr angenehm. Der Schlafsaal war etwas eng ausstaffiert, dafür gab es vor dem Eingang einen Getränkeautomaten, an dem sich auch ein kühles Bierchen ergattern ließ. Der Speisesaal war sehr gemütlich, man wurde bekocht und bekam dazu Wein gereicht. Und der Ausblick am nächsten Morgen war einfach fantastisch.

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Das Kloster in Zumaia bietet einen Kontrast zu den üblichen Herbergen insofern, als dass die Zimmer deutlich kleiner und daher mit weniger Betten ausstaffiert sind. Hier durfte ich sogar in einem Zwei-Bett-Zimmer nächtigen. Der Hospitalero sprach zwar nur spanisch, war aber sehr freundlich, und wusste auch so über seine Erfahrungen mit dem Camino zu berichten. Auch gab es hier eine (wenn auch nur teilweise funktionstüchtige) Gitarre.

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Die Herberge in Arnope steht irgendwo im Nirgendwo: Rundherum gibt es keinerlei sichtbare Zivilisation. Die Pilger werden in zwei einfachen Schlafsälen untergebracht, es gibt einen Aufenthaltsraum mit Fernseher (wer’s braucht …) und eine kleine Bar. Das Pilgermenü ist hervorragend und es wird eigener Wein gereicht. Ein großer Nachteil ist, dass am Morgen kein Hospitalero zugegen ist, und wenn man als Letzter die Tür schließt, bleibt sie auch zu. Achtet also darauf, dass ihr auch wirklich nichts vergessen habt! Mich hat das meinen Wanderstab gekostet.

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Aufstieg und Absteige – Teil 1

Fast zwei Monate bin ich nun zurück. So langsam habe ich mich akklimatisiert, hatte Zeit, über meinen Weg zu reflektieren, mich mit anderen Menschen darüber auszutauschen, mir zu überlegen, was ich beim nächsten Mal genauso, was anders machen würde. Damit auch ihr als potentielle zukünftige Jakobspilger davon profitieren könnt, möchte ich mich in den nächsten Tagen zu den Herbergen äußern, in denen ich nächtigen durfte, diese chronologisch abarbeiten und noch Erfahrungen zu verschiedenen Wegvarianten einfließen lassen.

Nicht selten wich die eigene Meinung von der meines Reiseführers ab. Und auch unter den Pilgern gab es zu ein und derselben Unterkunft verschiedene Ansichten. Es bleibt also festzuhalten, dass auch meine Urteile sehr subjektiv sein werden und abgesehen von eigenen Affinitäten sicher auch durch Faktoren wie Zeit (sowohl Saison als auch Tagesform), das Wetter, weitere Gäste und nicht zuletzt die eigene Stimmung bedingt sind.

Gleich kurz hinter Irun kann man einen kleinen Umweg von 2,2 Kilometern machen, um statt des direkten Weges nach Jaizubia auch noch Hondarribia zu besichtigen. Wer sich an meinen ersten Reisetag erinnert, der weiß, dass ich mit Ach und Krach in Jaizubia ankam. Eigentlich hatte ich aber vor, Hondarribia einen Besuch abzustatten, und auch jetzt noch würde ich es jedem empfehlen – außer vielleicht bei Dauerregen. Was es da zu sehen gibt? Schauen wir mal:

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Meine erste Herberge war das Capitán Tximista (gespr.: Tschimista, baskisch für: Kapitän Blitz). Aufgrund der kurzen Entfernung wird wohl kaum jemand, der in Irun startet, hier schon unterkommen. Falls es aber doch irgendwie dazu kommen sollte, ist dies nicht der schlechteste Fall. In einem rustikalen Haus in ruhiger Lage finden sich neben 40 Betten in drei Räumen auch ein Aufenthaltsraum mit kleiner Bibliothek, der auch Bildbände zur Schönheit des Baskenlandes zu bieten hat.

Eine absolute Empfehlung ist albergue número dos  in Ulia bei den las doce tribus (Zwölf Stämmen). Hier war die Gastfreundschaft sehr groß. Wir wurden mit gutem Essen und selbstgebackenem Brot bewirtschaftet und Gespräche ergaben sich nicht nur unter den Pilgern.

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Für Pärchen wäre noch wichtig, dass die Schlafräume hier nach Geschlechtern getrennt sind.

Weiterhin sollte man sich mal über die Gemeinschaft der Zwölf Stämme kundig machen. Ich hatte das vorher nicht und habe mir nur manches vom dortigen Hospitalero erzählen lassen. Die Vorwürfe der Kindesmisshandlung kamen auch zur Sprache, wurden aber konsequent geleugnet. Diese Dokumentation (falls man RTL-Produktionen denn als solche bezeichnen darf) stimmt mich allerdings traurig.

Sollte man also dieser Herberge fernbleiben? Ich finde nicht, allein schon deshalb, um die dortigen Leute mit diesem Bildmaterial zu konfrontieren (was mir aufgrund meiner mangelnden Recherche nicht möglich war). Und wenn man tatsächlich eine Antipathie entwickelt hat und diese Vereinigung nicht unterstützen möchte, zahlt man einfach nichts, da die Übernachtung hier auf Spendenbasis angelegt ist.

Es lohnt sich übrigens, von dort noch mal die paar hundert Meter zurückzulaufen, um vom markierten auf den alternativen Weg zu wechseln, der direkt an der Küste entlang führt. Ich habe es jedenfalls so gemacht und bereue nichts.

Soviel bis hierher, in den nächsten Tagen werden noch zahlreiche Herbergen vorgestellt werden.

I, Robot

Gestern Nacht bin ich wieder in Berlin angekommen. Und es ist seltsam hier. Alles läuft ganz anders als in den letzten sieben Wochen. Der Tagesablauf ist komplett verschieden, alles bewegt sich viel schneller, man muss mehr überlegen, was zu tun sei – und hat damit weniger Ressourcen, um über andere Dinge nachzudenken.

So langsam greifen die Automatismen wieder. Ich weiß noch, wo es Essen zu kaufen gibt, in welchem Regal das gewünschte Produkt steht, wie ich dahin komme, etc. Und ich schaue mir dabei zu, wie ich diese Dinge erledige, ohne darüber nachzudenken. Ich funktioniere. Und während ich beobachte, wie ich funktioniere, stellt sich mir die Frage, inwiefern man bei diesen automatisierten Handlungsoptionen, die gedanklich in restriktive Grenzen gezwängt sind, noch von einem freien Willen sprechen kann. Und ich frage mich, ob ich schon immer so funktioniert habe, und ob die anderen Menschen auch alle so funktionieren, und ob es nicht notwendig wäre, sich vom Ballast der vorgefertigten Meinungen zu befreien, den allgemeinen Konsens nicht als das Nonplusultra anzusehen, sondern sich geistig zu emanzipieren, um wirklich und gerechtfertigterweise von „leben“ zu sprechen – im Gegensatz zu „existieren“.

Ich möchte mich nicht zwingen lassen. Nicht physisch, nicht mental, nicht zu einer Handlung, nicht zu einer Meinung, nicht zu einem Gedanken, nicht zu einer Emotion. Ich möchte mich frei entfalten können, ohne in irgendeiner Form gelenkt zu werden. Daher proklamiere ich frei nach Ton Steine Scherben: Lasst zurück, was euch zurückhält!

Tag 44 – Ruhe in Frieden

Die letzten zwei Tage habe ich damit verbracht, rechtzeitig nach Fisterra zu kommen, um noch einmal einige meiner Weggefährten zu sehen. Jetzt bin ich hier, gestern haben wir gemeinsam den Sonnenuntergang am Strand erlebt, heute nun werden wir tatsächlich voneinander Abschied nehmen. Und obwohl ich erst in einer Woche nach Deutschland fliegen werde, fühle ich mich nun am Ende meines Weges. Daher wird bis zu meiner Rückkehr in mein altes Leben wohl nichts mehr von mir zu hören sein. Die Toten schweigen.

Tag 41 – Reise zum Ende der Welt

Nachdem ich mir am gestrigen Sonntag erneut eine Pause gönnte – sowohl vom Schreiben als auch vom Wandern –, bin ich nun auf dem Weg nach Fisterra. Um zunächst eine mögliche terminologische Verwirrung aufzuklären: Die Stadt heißt Fisterra, das Kap Finisterre. In zwei bis drei Tagen sollte ich dort ankommen und mir meine Fisterrana – sozusagen eine Zusatzurkunde zur Compostela – abholen. Und wenn ich dann noch lustig bin, laufe ich auch noch die etwa 30 Kilometer bis Muxia und mache das Triple voll – da können sich die Münchner Bayern aber mal sowas von ein Beispiel an mir nehmen.

Über die Ankunftsfreude in Santiago und die Weiterreise ans Kap legt sich aber auch ein Schatten: Heute Morgen trennten sich auch die Wege von Sandra, die ich zumindest auf meinem Camino nicht mehr wiedersehen werde. Und so reise ich weiter mit Lisa als dynamisches Duo. Mit etwas Glück werden wir Jutta und Ramon in Fisterra wiedersehen. Aber bereits seit geraumer Zeit lautet mein Plan: Mal schauen, was die Zukunft bringt. Ich erwarte nichts, freue mich über das, was mir der Tag schenkt (was derzeit in der Tat reichlich ist) und denke mir: „Es könnte auch schlimmer sein“, wenn es mal nicht optimal läuft.

Mittlerweile steht auch das tatsächliche Ende meiner Reise fest: Am 31. Mai werde ich zurück nach Berlin fliegen. Ich habe keine Vorstellung davon, wie ich dann mein altes Leben weiterleben werde. Ich weiß nicht, welche Unterschiede sich zur Vergangenheit auftun werden. Ich weiß vor allem nicht, wie ich mich mit den Menschenmassen in Einklang bringen soll, wo ich hier die Abgeschiedenheit und das Verbringen der Zeit in sehr kleinen Gruppen zu schätzen gelernt habe. Ich denke aber, dass sich alles irgendwie ergeben wird. Nicht von alleine, natürlich werde ich meinen Teil dazu beitragen, aber ich vertraue auf … ja, auf was eigentlich? Das Schicksal? Das Universum? Eine höhere Macht? Ehrlich gesagt weiß ich es selbst auch nicht. Aber ich bin mir sicher, dass sich alles fügen wird. Vielleicht nicht nach einem vorgefertigten Plan, vielleicht völlig zufällig und chaotisch, aber so, dass ich damit leben können werde. Und das ist das Wichtige: zu leben.

Tag 39 – Am Ende

Ich bin angekommen – Santiago de Compostela. Eine Reise geht damit für mich zu Ende. Eine Reise, die 39 Tage gedauert hat. Eine Reise, die mich verändert hat. Was ist das eigentlich, dieser Camino?

Der Camino ist ein komprimiertes Leben. Erst wird man geboren. Doch die Geburt ist nicht die Ankunft. Sie findet genau dann statt, wenn man die Erwartungen, die man an den Weg hat, abstreift und sich wirklich auf ihn einlässt. Wer versucht, genau das zu finden, was er sucht, wird den Camino nicht genießen können. Der Camino gibt einem nicht, was man sucht, sondern was man braucht.

Ist man erst geboren, stellt sich eine gewisse Routine ein. Morgens frühstücken, Zähne putzen, loslaufen. Zwischendurch ein paar Pausen, mitunter irgendwo einkehren, weiterlaufen. Nachmittags die Herberge erreichen, duschen, das Bett herrichten, die Zeit genießen. Am Abend noch etwas essen, Wein trinken, Spaß haben. Danach wiederum Zähne putzen und schlafen gehen. Dies variiert von Tag zu Tag teilweise, im Kern bleibt es aber so.

Klingt nicht wirklich interessant. Wäre es auch nicht, würde es sich darauf beschränken. Denn was man auf dem Weg sieht, sind atemberaubende Landschaften. Die Strecken unterscheiden sich in ihren Höhenprofilen, mal geht es bergauf und bergab, manchmal durch flaches Gelände, mal über einen matschigen Waldweg und mal über Straße, mal entlang der Küste und mal mit Aussicht auf Berge – mitunter sogar beides gleichzeitig.

Die Natur bietet den Rahmen, öffnet das Herz, bereitet einen darauf vor, was das eigentlich Ergreifende ist: die Wortwechsel. Es lässt sich kaum vermeiden, mit anderen Pilgern ins Gespräch zu kommen. Man trifft so viele verschiedene Typen, wirklich beeindruckende Charaktere, faszinierende Persönlichkeiten. Und aus jeder Unterredung kann man etwas mitnehmen, kann einen Schatz anhäufen, einen Schatz an Gedanken und Ideen, über die man beim Wandern noch sinnieren kann. So sammelt man Erfahrungen und wächst daran.

Und am Ende des Weges kommt das Sterben. Ist der Weg zu Ende, ist auch dieses Leben zu Ende, das so fern von allem Gewohnten, Alltäglichen liegt. Und so liege ich nun wie auf einem Sterbebett, vergieße Tränen, aber nicht der Trauer, sondern der Erfüllung, denn dieses Leben war gut. Ist es noch. Ein wenig werde ich es noch hinauszögern, werde über Santiago hinaus reisen, über Santiago hinaus leben. Und dann schauen, wohin mich mein Weg führt.

Tag 38 – Martyrium

So langsam wird der Camino zu einer echten Tortur. Nicht umsonst ist der Heilige Stephanus bekannt als der erste christliche Märtyrer. Statt Steine plagen mich allerdings andere Wehwehchen. Mein Fuß hält sich halbwegs stabil, dafür macht mein Magen nun auch Probleme. Nun geht’s also mit Schonkost weiter: Kamillentee, Bananen, Zwieback. Das Ärgste daran: kein Kaffee mehr. In Deutschland trinke ich sowas ja nur hin und wieder, der spanische aber hat es geschmacklich durchaus in sich.

Heute habe ich es dann auch bei einer kleineren Etappe von etwa 17 Kilometern belassen, wo ich in einem wunderschönen Garten schon einige Zeit in der Hängematte verbracht habe. Das sollte mich auf den nächsten Tag vorbereiten.

Noch 33 Kilometer bis Santiago. Geht es nach meinem Willen, werde ich dort morgen einlaufen. Mal schauen, was mein Körper dazu sagt. Wenn er nur nicht immer so nuscheln würde …